Zurück in die Zukunft? Gedanken zur Klassifikation des VDPs, Teil I

Sie ist wieder in aller Munde, die „neue“ Klassifikation des VDPs. Die Aufmerksamkeit in diesem Themenfeld wird aktuell durch zwei Prozesse gesteuert: Zum einen der verbreiteten Diskussion darüber, was ein deutscher „Spitzenwein“ ist und wie dieser im Markt vermittelt werden kann. Zum anderen  lässt die verbandsinterne Reform der VDP-Klassifikation viel Diskussionsstoff in der deutschsprachigen Weinwelt aufkommen und viele Fragezeichen entstehen, ob hiermit das Ziel einer besseren Vermittlung erreicht werden kann. Ich will die Klassifikation nicht im Detail erklären, das ist andernorts schon passiert. Vor allem eine Frage habe ich mir stattdessen selbst gestellt: Ist die Klassifikation des VDPs mit dieser jüngsten Reform zu einer Lagenklassifikation geworden oder ist es noch immer primär eine Güterklassifikation, in der auch Lagen klassifiziert werden? Vielleicht löst schon diese Frage bei einigen Lesern Verwirrung aus, sind sie doch der Überzeugung, die VDP-Klassifikation sei schon immer eine Lagenklassifikation gewesen. Das ist nur die halbierte historische Wahrheit. Zutreffender ist die Feststellung, dass der VDP gerne eine gesetzliche Lagenklassifikation wie im Burgund eingeführt hätte, dieses aus weinrechtlichen Gründen nicht konnte und daher zunächst alle Gruppen von Spitzenweingütern unter einer gemeinsamen Idee vereinte, mit dem Ziel, auch die Spitzenlagen zu klassifizieren. Alte Mitglieder des VDPs verließen den Verband aus unterschiedlichen Gründen, viele kamen hinzu. Das eröffnete zwar die Möglichkeit, jetzt vieles anders zu machen als der „aristokratische Verband“ früherer Tage, führte aber auch dazu, einen möglichst umfassenden Kompromiss anzustreben, um alle Interessen zu bündeln. Das Ergebnis war eine Klassifikation, die zwar mit großem Erfolg umgesetzt werden konnte, die jedoch von Anfang an internes Spannungspotential besaß.

Konstruktionslogik der Klassifikation in den 90er Jahren

Ein kurzer Rückblick in die 90er Jahre und in die Bezeichnungsproblematik ist nötig, um diese Konstruktionslogik zu verstehen: Klassifizierungsangaben französischer Art konnten angesichts der Qualitätssystematik im deutschen Weingesetz (Qualitätsweine QbA mit/ohne Prädikat) nicht flächendeckend genehmigt werden, weil Lagenbezeichnungen vom Konsumenten als Qualitätsbezeichnungen aufgefasst werden könnten. In den 90er war die Lagenqualität aber in der Breite nicht profiliert, nicht jahrgangsunabhängig und oft genug völlig, sagen wir, weinbautechnisch und önologisch verfremdet. Das brachte den Gesetzgeber und den Weinbauverband dazu, den VDP-Wunsch nach einer umfassenden Öffnung des Weingesetzes für Lagenangaben abzulehnen. Die konträre Haltung des VDPs in Sachen Weinqualität geht sehr gut aus einem Zitat des damaligen VDP-Präsidenten Prinz zu Salm-Salm aus dem Jahr 1990 hervor: „Wir müssen uns unabhängig machen von der Gleichmacherei der deutschen Weingesetzgebung“ (zit. bei  D. Deckers, 2010, „Eine Geschichte des deutschen Weins“, Verlag Philipp von Zabern, S. 211). Vieles an verbittert ausgetragener Verbandspolitik war  auch im Spiel, namentlich zwischen dem deutschen Weinbauverband mit seinem starken Genossenschaftsanteil auf der einen und dem VDP auf der anderen Seite: Gegenpole, die einfach keine gemeinsame Sprache mehr sprachen geschweige denn eine gemeinsame Vision teilten. Die im Verband organisierten Weingüter, einige Journalisten und Wissenschaftler initiierten einen Suchprozess, in dem historische Karten, wissenschaftliche Gutachten und Vertikalverkostungen von früheren Spitzenlagen das kollektive Qualitäts-Gedächtnis wieder belebten und den damals im deutschen Sprachraum vergleichsweise neuen „Terroir“-Gedanken salonfähig machten. Von diesem Gedächtnis leben viele Qualitätsideale bis heute, interessanter Weise nicht nur innerhalb des VDPs.

Lagen und/oder Güterklassifikation?

Um das Verhältnis von Lage- und Güterklassifikation wirklich zu durchdringen, wäre noch viel historisches Hintergrundwissen nötig, insbesondere über die beiden französischen Regionen, an deren Vorbild sich der VDP orientierte: Bordeaux und Burgund. Ich kann das an dieser Stelle nur skizzieren. Während im Bordeaux die klassifizierten Güter der „Grad Cru Classé“ ihrerseits nochmal differenziert sind (premier cru, deuxieme cru etc.) und gerade zur obersten Kategorie nur wenige Güter gehören, wurde eine solche Einschränkung beim VDP nicht vorgenommen. Denn schon die Aufnahme in den VDP ist der eigentliche Akt der  Erhebung in den Adelsstand und damit die faktische Anerkennung, auch lagenklassifizierte Spitzenweine (Erste Gewächse, Große Gewächse) produzieren zu können. Letztlich entschieden die vielerorts neu aufgestellten Regionalverbände, welche Weinlagen und welche darauf wirtschaftenden Güter am meisten Potential besaßen, unter Berücksichtigung historischer Karten, überlieferter Tradition und wissenschaftlicher Auftrags-Gutachten. Die Weingüter klassifizierten sich selbst, allen voran die Güter im Rheingau, wo der VDP bis heute am meisten Rebflächenanteile besitzt. Mehrere Weingüter teilen sich oftmals dieselbe Lage in Deutschland, insofern ähnelt die Situation eher den Gegebenheiten im Burgund und nicht den Verhältnissen im Bordeaux, woraus die ganze Verzwicktheit des Prozesses eigentlich schon deutlich wird. Deutschland konnte dennoch nicht Burgund werden, weil dafür eine Klassifikation aller Lagen vonnöten gewesen wäre und die Güter selbst dann keine Entscheidungsmacht mehr darüber gehabt hätten, wie sie klassifiziert werden: die Folge wäre ein offener Schlagabtausch mit allen potentiellen Spitzenweingütern gewesen. Die VDP-Güter entscheiden aktuell  noch immer darüber, welche Lagen sie wie verwenden wollen, daher ist das ganze Konstrukt noch immer eine primäre Güterklassifikation mit der Lagenklassifikation als Instrument, das den Gütern an die Hand gegeben wird. Ein wesentliches Problem dabei ist, dass ein neutraler Maßstab für die Definition von „Spitzenwein“ fehlt und daher die Begründung auf Selbstreferenz hinausläuft: Spitze ist, was die Spitzenweingüter als Spitze definieren, natürlich unter Berücksichtigung von Kritikermeinungen und anderen Einflüssen, aber letztlich in Eigenregie. Das wird natürlich auch so bleiben, schließlich ist es eine privatrechtliche Klassifikation oder maximal, wie im Rheingau, eine gesetzlich anerkannte Klassifikation, nicht deren Ersatz. Auch das Prädikatsystem wird somit weiter bestehen und eher ein Bestandteil aller weiteren Klassifikationsbemühungen sein, was bei der Frage, ob z.B. restsüße Weine auch die höchste Lagenklassifikation tragen dürfen, schon in der Vergangenheit für Konfliktstoff sorgte.

In Teil II werde ich die Logik der aktuellen Reformbemühungen skizzieren um dann die mögliche „Reise zurück in die Zukunft“ der Lagenklassifikation erörtern.

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5 Antworten zu Zurück in die Zukunft? Gedanken zur Klassifikation des VDPs, Teil I

  1. the winegetter schreibt:

    Klasse, gefällt mir sehr gut. In die Tiefe, überlegt und gute Hintergründe. Viel gelernt. Merci!

  2. Thorsten schreibt:

    Hey Thorsten,

    toller Beitrag, Informativ, tiefgründig und dabei doch kurz gehalten! Mehr davon!

  3. Pingback: Deutsche Sprache, schwere Sprache

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