Weinralley # 63: Der Anbaustopp in der Diskussion

Der Anbaustopp und zwei unvereinbare politische Lager

Wenn „Anbaustopp“ eine Antwort war, wie lautete dann die Frage? Die Frage in einem Wort lautete: Überproduktion. Eigentlich wollte ich einen historischen Rückblick auf die Vergangenheit  der Anbauproblematik werfen, um die Gegenwart besser zu verstehen, aber dieser wirklich sehr lesenswerte Beitrag von Bernhard Fiedler bietet genügend Hintergrund zur Entstehungsgeschichte der heutigen Situation. Das lässt mir genug Raum, um auf die gegenwärtige Auseinandersetzung und die zukünftigen Szenarien etwas genauer einzugehen.

Die Gegner einer weiteren Liberalisierung des Pflanzenrechts-Regimes führen zwei Hauptargumente für eine Fortsetzung des Anbaustopps  an: Zum einen gäbe es jetzt schon viele brach liegende Anbauflächen, daher würde jetzt bereits jeder interessierte Neuwinzer die Möglichkeit besitzen, neue Weinbauflächen zu kultivieren. Zweitens beinhalte eine Freigabe der Pflanzrechte das Risiko einer neuen Überproduktion, was einen erneuten Preisverfall begünstigen würde. Auf einer eher theoretischen Ebene laufen alle diese Argumente darauf hinaus, den selbstregulierenden Kräften der Marktentwicklung zu misstrauen und an Stelle der Freiheit unternehmerischer Entscheidungen die EU-weite Regulation zu befürworten.

Die Befürworter der Liberalisierung führen drei wesentliche Argumente für ihre Position an: zum einen verweisen sie auf die mangelhafte Einhaltung und Kontrolle der bisherigen Regelungen in Ländern wie Spanien. Daher sei es nur fair, die unwirksam gewordene Politik zu ändern bzw. ganz abzuschaffen. Zweitens verweisen sie darauf, dass es bei der Problematik nicht um eine Expansion des Massenweinmarktes in Deutschland geht, weil hierfür – wieder im Vergleich zu Spanien oder Italien – ohnehin die Voraussetzungen fehlten. Diese Position hat Dirk Würtz heute erneut ausgeführt. Drittens zementierten die jetzigen Pflanzenrechtsregime bestehende Besitzverhältnisse und verhinderten die Entstehung neuer Weinanbaumöglichkeiten (Fiedler). Die Kritiker sind sich darin einig, dass diese Regelungen die Kreativität im Weinanbau drosseln.

Sebastian Holey, der Gastgeber der heutigen Weinralley, hatte auf seinem Blog vor ein paar Monaten eine Umfrage gestartet mit der Frage, wer für oder gegen eine Verlängerung des Anbaustopps sei. Das Ergebnis:50 Stimmen für die Verlängerung, 47 Stimmen dagegen…“einigen wir uns auf unentschieden“. Sicher, ein solches Voting ist nicht repräsentativ und dennoch gibt es einen Hinweis darauf, wie unversöhnlich und vielleicht auch etwas starrsinnig sich in diesem Langzeit-Lagerkonflikt die Bewahrer und die Reformer gegenüberstehen.

Und die Steillagen?

In Deutschland gibt es aktuell ca. 500 Steillagen und weitere 1500, die als „hängig-steil“ eingestuft werden können. Die Gesamtzahl deutscher Steillagenweine dürfte in die Tausende gehen. Wenn die Einzellage und der Winzername als Markenbestandteile eines Steillagenweins betrachtet werden, ist schnell klar, dass es sich hierbei um kaum vergleichbare Nischenprodukte handelt. Insofern gibt es auch nicht einen Markt für Steillagenweine sondern viele kleine Märkte. In einem solchen Szenario interessiert die Gesamtmenge aller Nischenweine weniger als die Frage, ob die Authentizität der Weine vermittelt werden kann. Und diese Vermittlung ist doch sehr an regionale Strukturen gebunden: an Erzeuger, die mit Händlern kooperieren; von Händlern, die verstehen was es bedeutet, ein Nischenprodukt zu bewerben (und das wissen scheinbar längst nicht alle) im Unterschied zu einer weiter verbreiteten Regionalmarke usw.  Die Schlacht um den Markterfolg grade bei den Steillagen wird inzwischen so stark über die Herkunft geführt, dass die so erzeugten Weine ohnehin als Nischenprodukte wahrgenommen werden und wo dies nicht gelingt, liegen die Flächen bereits jetzt brach. An dieser grundlegenden Konstellation ändern die Anbauregeln wenig, ergo hängt der Erfolg oder Misserfolg von Steillagen hiervon nicht primär ab.

Das Bild von den überall aufsprießenden, blühenden Weinlandschaften im Falle einer Liberalisierung ist natürlich genauso fragwürdig wie das Schreckenszenario einer verödenden, zunehmend brach liegenden Weinbergsfläche in den etablierten Weinanbaugebieten. Es wird so oder anders Zeit brauchen, bis etwas passiert, was die Marktstrukturen ändert – Zeit, die auch von den betroffenen Akteuren genutzt werden kann, um sich über die weitere Entwicklung und ggf. flankierende politische Maßnahmen zu verständigen. Ich möchte im letzten Teil dieser kurzen Abhandlung ein kleines Szenario für diesen Fall entwerfen.

Plädoyer für die Trennung von Landschaftspflege, Sozialpolitik und Weinmarktpolitik

Ohne Frage: die Steillagen sind ein Blickfang in jeder weinbaulich geprägten Kulturlandschaft und schon aus Gründen des regionalen Marketings erhaltenswert. Vielleicht war es ein Konstruktionsfehler der Gemeinsamen Agrarpolitik, das Ziel der „Nachhaltigkeit“ zwangsläufig über die Integration von Landschaftspflege und Marktpolitik erreichen zu wollen. Zu sehr wurden die Schreckgespenster der Monokulturlandschaft bemüht, um die enge Verzahnung von Landschaftspflege und Marktpolitik zu rechtfertigen. Sachlich betrachtet sind sowohl die Maßnahmen als auch die Zielsetzungen dieser beiden Dimensionen von Nachhaltigkeit sehr verschieden und sie sollten daher auch in getrennten Politikbereichen verhandelt werden. Das Umdenken besteht tatsächlich darin, eine Landschaftspflege zu betreiben, obwohl der messbare ökonomische Ertrag dieser speziellen Landschaft sich nicht in Verkaufszahlen der dort womöglich kultivierten Weine ausdrücken lässt. Während eine Marktpolitik immer unter Effizienzgesichtspunkten arbeiten muss, ist das Ziel der Landschaftspflege zunächst eine Kulturleistung. Bei den Ursprüngen der Gemeinsamen Agrarpolitik und ihrer Mechanismen ging es jedoch weder um eine marktfördernde noch um eine landschaftspflegende Politik sondern um Sozialpolitik für familiäre Betriebe. Wohlgemerkt: Sozialpolitik an sich ist überhaupt nicht verwerflich, aber im Konzert mit zu vielen anderen Politikbereichen produziert sie Unentscheidbarkeit und hohen Koordinationsaufwand bürokratischer Art, der in keiner Relation zum gewünschten Ergebnis steht. Ich wünsche allen beteiligten Akteuren den Mut und die Weitsicht, das zu erkennen und offen zu verhandeln. Nur dann lassen sich die Politiken so entflechten, dass die Argumente für und wider einzelne Maßnahmen gehört und abgewogen werden können. Es wäre tatsächlich an der Zeit, dies zu tun.

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3 Antworten zu Weinralley # 63: Der Anbaustopp in der Diskussion

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