Eine Plattform, um sie alle zu vernetzen? Weinprofis, macht einen klugen Schritt

Der Weinmarkt ist komplex, der Weinmarkt ist unübersichtlich, selbst für diejenigen, die täglich beruflich mit ihm zu tun haben. Eine Folge dieser Komplexität und Unübersichtlichkeit besteht darin, dass bereits ein interessierter Laie jede Menge „Daten“ benötigt, um sich zumindest einen moderaten Überblick zu verschaffen: Welche Winzer haben in Region XY welche Weine produziert? Welche Händler vertreiben sie? Welche Weine wurden ausgezeichnet von welchen Instanzen? Wo finden welche Events statt und was ist dort zu erwarten? Momentan ist eine Plattform wie Facebook für viele Weinprofis die dankbarste Lösung, vereint sie doch inzwischen viele Weinmacher, Händler, Zwischenhändler, Weinevent-Veranstalter, Sommeliers sowie viele „Foodies“, die das Thema Wein ebenfalls bedienen. Hier braucht inzwischen keiner mehr erklären, wieso das einen Mehrwert für alle Beteiligten bringt, bei anderen Plattformen hingegen ist womöglich weniger klar, worin der unmittelbare und vor allem der langfristige Nutzen liegen könnte. Das betriebswirtschaftliche Problem, sich der Digitalisierung voll zu stellen, dürfte ebenfalls nahe liegen: Erst einmal tritt nur wenig monetärer Nutzen ein, so eine Digitalisierungsstrategie braucht seine Zeit und aufgrund fehlender Erfahrungswerte oder personeller sowie finanzieller Ressourcen dürften noch immer viele Weingüter skeptisch sein, wenn Jemand laut ruft „vernetzt Euch“. Deshalb lohnt es sich, die Initiativen zu würdigen, die eigentlich mehr Vertrauensvorschuss denn Skepsis verdient haben, damit aus den Ideen eine Innovationen werden können.

Einer, der einen klugen Schritt macht: Patrick Johner

Patrick Johner ist zusammen mit Vater Karl Inhaber des gleichnamigen Weinguts im badischen Kaiserstuhl sowie einem Zweitweingut in Neuseeland. Vielleicht hat ihn die internationale Erfahrung frühzeitig darauf gebracht, dass in der Vernetzung der Branche mindestens so viele Chancen wie Risiken liegen. Ausgangspunkt für Johners Überlegungen war die ganz lebensnahe Erfahrung, für unzählige Weinführer und Händlern immer wieder die gleichen Fragebögen mit denselben Daten ausfüllen zu müssen, mehrmals pro Jahr und für jedes Jahr erneut. Wäre es da nicht sehr naheliegend, die Winzer würden einmal in digitaler Form ihre Daten eintragen um anschließend jedem interessierten Weinführer, Händler oder sonstigem Weinprofi den Zugriff ermöglichen? Die Antwort lautet: ja, das ist sehr naheliegend und eigentlich muss man sich wundern, dass es das noch nicht gibt. Jetzt gibt es das, „owein“ heißt das Kind (http://owein.de/), und hier beschreibt Johner, warum er es aufgesetzt hat: http://blog.johner.de/2014/04/fragebogen-an-die-deutschen-winzer-fur-die-weinfuhrer/

Das überzeugende an seiner Vision: Sie kostet nichts für den Winzer, sie vereinfacht die Datenerhebung und sie verspricht bei ausreichender Beteiligung der Branche ein unglaublich reichhaltiger „Pool“ zu werden, der sehr vielen Weinprofis das Geschäft erleichtert. Wer sich beispielsweise für die Mosel interessiert oder sogar beruflich spezialisiert hat, würde sich vermutlich über einen Schnellzugriff auf alle Winzer- und Händleradressen, Straußwirtschaften oder dergleichen mehr freuen. Momentan existieren selbst für jede einzelne dieser Kategorie nicht genügend gebündelte Online-Informationen, um diese kompakt darzustellen (mein letzter Versuch war es, EINE VOLLSTÄNDIGE Liste der AKTIVEN Händler zu finden – zwecklos). Neben vielen Vorteilen bietet jede neue Technologie auch Risiken, die ich nicht unterschlagen will, weil von ihrer Einschätzung abhängt wie groß die positive Resonanz ist.

Die Bedenken der Profis

Jede neue Plattform mit entsprechend großer Datenbank ruft Bedenkenträger auf den Plan, teilweise haben einige von ihnen tatsächlich schlechte Erfahrungen mit schlechten Konzepten gemacht (hier primär: Online-Shops), teilweise speisen sich diese Bedenken jedoch aus einer stark verallgemeinerten Ablehnung aufgrund negativer Berichterstattungen über Datenschutzprobleme im WWW. Den folgenden Einwänden begegnet man besonders oft:

Bedenken Nr. 1: Was machen Dritte mit den Daten?

Aus den Debatten um „Datenkraken“ wie Facebook, Google und anderen Großunternehmen der digitalen Welt ist die Problematik längst bekannt: Einmal preisgegeben und erfasst können vor allem Nutzerdaten für viele Drittunternehmen oder Organisationen wie die NSA interessant sein. Die aktuellen Entwicklungen der 4.0 Industrie gehen dahin, „big data“ Anwendungen zu erschaffen, die komplexe Daten visualisieren (Beispiel: Online-Aktivitäten einzelner User im Zeitverlauf farblich darstellen, weil nur so die „Profile“ sichtbar werden) oder auf neuartige Weise analysieren. „Der Gläserne User“, werden einige sofort denken. Ich will die vielfältigen Probleme die hieraus entstehen/entstehen können nicht kleinreden! Das sind sehr ambivalente Entwicklungen, die wir dort beobachten können. Und dennoch wäre es völlig falsch, hieraus abzuleiten, dass ALLE großen Daten-Plattformen dieselben Probleme haben und mit Sicherheit sind nicht alle „Datenpunkte“ für den Geheimdienst interessant. Eine Datenbank, die als eine Art „Gelbe Seiten“ der Weinbranche funktioniert, wäre nicht vergleichbar mit den oftmals heimlich erhobenen Userdaten. Jeder seriöse Versuch eine Meta-Plattform in der Weinbranche zu errichten sollte erklären, inwiefern User die Kontrolle über ihre Daten behalten.

Bedenken Nr. 2: Vernetzung auch mit „Konkurrenten“?

Die Digitialisierung als Prozess betrachtet bringt eine stärkere „Überkreuzung“ von Formen mit sich, die quer liegen zu den bisherigen Wettbewerbsverhältnissen. Was früher streng räumlich oder segmentspezifisch getrennt war, findet sich nun mitunter in derselben Form wieder. Das macht einigen mehr Angst, als sie es sich selbst vielleicht eingestehen wollen. Für die Vernetzung mit Konkurrenten gilt die Devise 1+1=3. Letztlich ist die Weinbranche zu klein, um sich durch jeden beliebigen Konkurrenzkampf auseinander dividieren zu lassen. Der Weinmarkt spricht mit sehr vielen Stimmen und etwas mehr Vernetzung untereinander ist langfristig betrachtet noch immer der Weg zum Ziel. Bei der oben erwähnten Plattform findet zunächst gar keine „echte“ Vernetzung mit Konkurrenten statt, schließlich kontrolliert jedes Weingut selbst, wie es dort repräsentiert ist. Aber die Teilnahme an der Plattform und den Applikationen, die hieraus langfristig möglich werden, eröffnet ein neues Vernetzungspotential. Jeder entscheidet selbst, was hier in Frage kommt!

Bedenken Nr. 3: Aufwand versus Nutzen?

Viele bisherige Portale, die den Versuch unternommen haben, neuartige Informationsangebote zu realisieren hatten entweder nicht genug Kapital, um die zum Teil sehr aufwendige Datenerhebung zu realisieren (Ergebnis: Stückwerk ohne Mehrwert; Datenruinen) oder die Datenerhebung war von vornherein auf die Realisierung eines Geschäftsziels mit entsprechenden Partnern beschränkt (Ergebnis: Stückwerk mit kommerziellen Mehrwert, aber nicht in Punkto Vernetzung für die Branche). Das Problem ist weniger eine Plattform, ein Meta-Portal aufzusetzen sondern eher die dort auffindbaren Daten aktuell zu halten. Um sie aktuell zu halten muss Arbeit investiert werden und diese Arbeit muss entweder bezahlt werden oder sie muss sich anderweitig für die „Dateneinträger“ lohnen. Bei dem oben erwähnten Projekt von Johner liegt der unmittelbare Nutzen für die Winzer in einer Arbeitserleichterung, das ist leicht vermittelbar. Bei anderen Plattformen ist es mitunter schwieriger, den Nutzen zu kommunizieren und noch kritischer wird es wenn z.B. Preisvergleiche durch eine solche Plattform möglich werden, weil sich dann vor allem kleine stationäre Händler übervorteilt fühlen. Hier ist Sensibilität und Weitsicht gefragt, um die Vernetzung der Branche nachhaltig zu fördern, zum gemeinsamen Nutzen für die Branche.

Viel Erfolg, Patrick!!

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