Der Wine Advocate und Parker im Jahre 2014: Globale Regionalität erreicht?

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich letzte Woche die Nachricht in der Weinwelt: Der frühere Vinum-Chefredakteur, „Weinwisser“- und Weinbuchautor Stephan Reinhardt wird ab Juli 2014 den bisherigen Parker-Verkoster David Schildknecht ablösen, dessen Einzugsgebiet unter anderem Deutschland und Österreich umfasste. Robert Parker bezeichnete Reinhardt als „easy choice for many reasons“: er ist Deutscher, lebt in Hamburg (!) und ist unbestreitbar „already a recognized authority on German wine“. Kein Zweifel: Mit dieser Personalie wird es interessanter für den deutschen Wein, vor allem im angelsächsischen Sprachraum. Reinhardt ist der erste Deutsche im Team Parker und einer der wenigen Autoren, die bereits auf Englisch über deutschen Wein schrieben. Der Wechsel vom Amerikaner Schildknecht zu Reinhardt markiert daher mehr als eine bloße Personalie: Es ist ein weiteres Indiz, dass sich das Unternehmenskonzept in den letzten Jahren nachhaltig geändert hat. Aber was genau hat sich geändert und wie passt die Personalie Reinhardt in das Gesamtbild?

Ein global-regionaler Markenwandel

Parker begann sein Unternehmen 1978 in Form eines zweimonatlich erscheinenden, dünnen Newsletters, den er zunächst in Eigenregie veröffentlichte. Der Inhalt bestand aus meist launisch gehaltene Verkostungsnotizen und den nunmehr berühmten Parker-Punkten, zunächst mit einer starken Fokussierung auf französische Weine. Zielgruppe des Abo-Newsletters: Die nur wenig kenntnisreichen Weintrinker der amerikanischen „Mittel Class“, die zwar das nötige Kleingeld hatten, um sich auch mal die teureren Bordeaux- und Burgunderweine zu leisten, die sich jedoch nicht mit den bizarr anmutenden Klassifikationen auseinandersetzen wollten. Die Lösung: eine 100-Punkte-Skale, um sie alle zu bewerten und damit die „alte“ und „neue“ Weinwelt bewertungstechnisch zu vereinen – ein Geniestreich. Mit der Verbreitung der 100-Punkte-Skala in der Weinwelt verlor Parker ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal, andererseits sorgte diese „Parkerisierung“ für die globale Verbreitung seines Namens, als Ikone der Weinkritik. Aufgetreten ist der frühere Rechtsanwalt stets als unabhängiger „consumer advocate“, weil er von sich behaupten konnte, durch den werbefreien Newsletter und ohne weitere Verstrickungen in der Weinbranche (damals!) nur seinem eigenen Geschmackssinn zu folgen.
Anstatt die Bewertungen nur von der Nase eines Einzelnen abhängig zu machen, dessen Geschmackspräferenzen dann den Weinmacher-Stil beeinflussen können wie in der Vergangenheit, ist in dem globalen Unternehmen TWA heutzutage eine neue, breiter gestreute Regionalität eingekehrt. Die Vergabe der Punkte für alle Weinmärkte dieser Welt ist ohnehin eine Unternehmung, die unmöglich von einer Person geleistet werden kann. Das hat Parker früh begriffen und daher den naheliegenden Schritt getan, in einem arbeitsteilig organisierten Team verkosten zu lassen. Der Falstaff hat detaillierter aufgeschlüsselt, wie sich das „Team Parker“ die Welt aufteilt. Stephan Reinhardt übernimmt von Schildknecht die Länder und Regionen Deutschland, Österreich, Elsass, Schweiz, Champagne sowie das Loire-Tal. Ein reiner Sesseljob ist das nicht: ca. 3 Monate pro Jahr wird Reinhardt „im Auftrag des Advokaten“ die besagten Regionen und Länder bereisen.

Was bleibt von der Marke?

Parker beziehungsweise die Parker Punkte (PP) sind seit geraumer Zeit zu einer global bekannten Marke avanciert. Wird das auch zukünftig so sein? Der Markenkern bleibt weiterhin prägend für den Gesamtauftritt des Unternehmens, aber der Stellenwert der Skala im Gesamtkonzept, die Struktur des Unternehmens und der Stellenwert der reinen Verkostungsnotizen haben sich geändert: Das Team ist sehr international aufgestellt, im Idealfall wie bei Reinhardt stimmen geographische Biographie und Bewertungsraum weitestgehend überein. Damit begegnet das Unternehmen, erstens, rückwirkend der Kritik, dem amerikanischen Kulturimperialismus durch die Person Parker Vorschub zu leisten, zweitens schafft es die Marke durch die Präsenz der global verstreuten Teammitglieder seine Präsenz regional zu festigen. Ferner organisiert TWA heute viele spezielle Verkostungen und andere Wein-Events wie Galadinner, zuletzt in Hong Kong als Teil einer „World Tour“ von Parker, bei denen die Mitarbeiter als Moderatoren auftreten und bei denen Robert Parker selbst präsent ist. Auch diese Qualität festigt die Marke, wer also glaubte, mit dem Verkauf einiger TWA-Anteile an eine asiatische Investorengruppe habe das Ende des bisherigen Unternehmens begonnen, hat sich gewaltig geirrt.
Wer mehr über Stephan Reinhardt und seine Sicht auf den Wein wissen will, der höre sich diesen brandneuen Interview-Podcast von Christopher Raffelt auf seinem Blog Originalverkorkt an. Lohnt sich!

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