Wein von der Nahe – unterschätzt? Notiz zum „2011er Hahnmühle Riesling trocken ‚Alter Wingert‘ (QbA)“

Wer kennt eigentlich Rieslinge von der Nahe? Und vor allem: wer trinkt sie mit einiger Regelmäßigkeit? Noch dazu einen herkunftstypischen Wein, dessen Betrieb ausnahmsweise nicht im VDP ist und der als einfacher Qualitätswein in Gutsabfüllung vermarktet wird?

Das Weingut Hahnmühle wird seit 1986 von Martina und Peter Linxweiler ökologisch bewirtschaftet und demnach einige Jahre bevor „Bio“ im eher konservativen Weinbau en vogue wurde. Das ist glaubwürdig, genauso wie der verblüffend niedrige Preis von 8 € für den „2011 Hahnmühle Riesling trocken ‚Alter Wingert‘ (QbA).“ Denn hierbei handelt es sich um einen Wein aus eher alten Reben (30 Jahre+), ertragsreduziert und aus Steillagen, handgelesen obendrein – und dafür nur 8 €? Der Kölner Weinhändler meines Vertrauens empfahl den Wein jedenfalls ohne zu zögern als ich meinte, gerne mal einen Riesling aus einem weniger hochgelobten Weingut trinken zu wollen und nicht aus einer der oft als erstes mit Riesling in Verbindung gebrachten Regionen wie dem Rheingau, der Mosel oder der Pfalz.

Der Wein: Schöne und volle Nase, frisch, nach gelben Früchten duftend – “hell“ und „klar“. Der Wein löst auch am Gaumen dieses Versprechen ein: Getragen von einer kräftigen aber nicht störenden Säure verbreiten sich Aromen von Aprikose, Mandarinenschale und Quitte, bevor stärker mineralische Noten das Obst ablösen.

Im sehr langen und ungebrochen intensiven Abgang dominiert dieser „mineralische“  Geschmack – um aber „mineralisch“ nicht als leeren Modebegriff hier zu bringen, versuche ich nach zwei- und dreimaligen Kosten näher zu beschreiben, was ich da schmecke: leicht salzig, dezent bitter, zum Ende hin Pfeffer-noten. In jedem Fall ist es sehr spannend zu erleben, wie sich der Wein von Frucht zu mehr Würze ver-wandelt. Er bleibt dabei „trocken“, die Restsüße ist sehr dezent, der Wein „klebt“ nicht. Im zweiten Verkostungsdurchgang wirkt der Wein ausgeglichener, die Säure etwas glatter, weniger bitter aber dafür noch mehr Frucht und Würze. Am zweiten Tag hat der Wein noch etwas an Fülle zugelegt, der Alkohol kommt etwas stärker durch aber der lange Abgang bleibt wesentlich unverändert.

Fazit: Komplexer, spannungsreicher und intensiver Riesling, der Zeit braucht, um sich zu entwickeln. Scheint mir noch einiges an Reifepotential zu haben. Korken kann er nicht, denn das Weingut verwendet den Glasverschluss!

(ursprünglich gepostet am 26.10.2012)

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„In medias Ress“: Neuer Rheingau, verschüttete Tradition?


Intro

Die vier Weine der Kollektion 2011 von Balthasar Ress (Betriebsleiter: Dirk Würtz) haben medial schon hohe Wellen geschlagen. Alle waren sie schon dran am Paket, die Pigotts, Scheuermanns, Hofschusters und Captain Corks. Überall Lobeshymnen, sehr hohe Punktzahlen  und vor allem viele Diskussionen um die Frage, was diese Weine besonders macht – mit der Aufforderung an alle, sich selbst Gedanken zu machen. Das alles ist gleichzeitig eine Lehrstunde in Sachen Weinmarketing, denn wer nach der Weinverkostung eine Verkostungsnotiz abgibt, der bekommt das Paket mit 50 % Rabatt für knapp 60 € statt 120 €, ein Selbstläufer, denn je mehr ihre Verkostungsnotizen abgeben, desto mehr Leser werden neugierig: „Ganz Deutschland scheint Ress zu verkosten“, lautete neulich ein Facebook-Kommentar. Ich wurde eingeladen zu einer Verkostung mit Verkostungsprofis & „Weinfreaks“, ein sehr lehrreicher Abend. Hier meine Eindrücke und gleichzeitig der Auftakt zu einer NEUEN Weinseite, die in Zukunft sicherlich mehr beinhaltet als nur Verkostungsnotizen.

Setting

Eine kleine Runde im Ratinger „Weinparlament“ von Ingo Bargatzky, mit Beate „Vinalia“ Wimmer, Werner „Mosel“ Elflein, „Weinnase“ Christian Segers und dem mit lexikalischen Terroirwissen ausgestatteten Kai Kalinka. 4 Gläser für jeden Gast. Die Flaschen wurden zwar vor der Verkostung geöffnet, aber nicht sehr lange vorher (was vielleicht ein Fehler war). Vor allem war das eine ausgesprochen „soziale“ Weinprobe, bei der fast schon von einem kollektiven Urteilsprozess gesprochen werden kann. Die Weine wurden offen verkostet.

Die Weine

Der 2011er Hattenheimer Nussbrunnen Riesling Erstes Gewächs (A. P. Nr. 310590 28 12)  ist auch für ungeübte Verkoster als zitrusduftiger, leicht floraler Riesling identifizierbar. Die Nase verspricht sehr viel und der erste Eindruck am Gaumen bestätigt das, dann jedoch fällt die Struktur etwas auseinander und die Bitternoten kommen stärker durch. Im Abgang dann allerdings wieder lange anhaltend und mit weniger Bitternoten, dafür jetzt stärker mineralisch aber leider mit etwas zu viel Alkohol, der nach einem zweiten Verkostungsdurchgang noch stärker hervortritt. Dennoch: ein Wein, der dazu einlädt, über ihn nachzudenken. Klar und „zupackend“, aber noch nicht zu voller Größe gereift, daher 89/100

Beim 2011er Hattenheimer Engelmannsberg Riesling trocken (A. P. Nr. 310590 9 12) ist der Einsatz von „Spontanvergärung“ unverkennbar – jene Methode, die bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts die häufigste Gärungsmethode war, bevor die Reinzuchthefe siegte. Zu dieser Kontroverse unten mehr. Die in der Nase dominierenden Schwefelnoten finden ein geschmackliches Echo in Bitternoten, allerdings nicht so stark wie beim Nussbrunnen. Der Alkohol gibt dem Wein etwas Molliges, er wirkt schwerer als der Nussbrunnen. Ich und alle anderen in der Runde glauben, dass auch dieser Wein noch weit von seinem Zenit entfernt ist. Der braucht einfach Zeit, um sich zu öffnen. Etwas Apfel, Orange und mit viel Konzentration auch etwas „Mineralisches“ kommt da durch..ein komplexer Wein, insgesamt vielversprechend. 92/100

Der 2011er Rüdesheimer Berg Rottland Riesling trocken (A. P. Nr. 310590 27 12) ist der meistdiskutierteste, kontroverseste und sicherlich „anspruchsvollste“ Wein des Abends. Bei 0 Gr. Restzucker ist eigentlich klar, dass dieser Wein anders sein muss als andere. Komplex, aber auch atonal und mitunter verstörend: in der Nase ist noch ein leichtes Aroma von Bittermandel wahrnehmbar, im Mund folgt ein sehr intensives Mineralien- und Steinobstgemisch und etwas Tabak. Ich schmecke etwas, das Quarz sein könnte, dann wieder etwas, das Aprikosenkernen gleicht. Von irgendwo kommt trotz des nichtvorhandenen Restzuckers ein Hauch von Süße an, aber im sehr langen Abgang dominiert nur das Mineralische. Auch bei diesem Wein ist klar, dass er mit den Jahren wahrscheinlich besser wird. Das ist ein Wein, bei dem man zwar gerne glaubt, dass er „typisch“ für seine Herkunft ist, aber ein Wein, der zumindest mir keine „wow! Den will ich trinken“ Freude beschert, daher wie beim ersten 89/100 (mit dem Glauben, dass er ca. 2015 mehr erreicht!).

Ganz im Gegensatz zu dem Berg Rottland präsentiert sich der 2011er Rüdesheimer Berg Schlossberg Riesling Erstes Gewächs (A. P. Nr. 310590 26 12). Schon in der Nase deutlich mehr Alkohol und Fülle (14 %) und am Gaumen wieder deutlich mehr Riesling. Die Säurestruktur bleibt dezent und etwas Honig kommt durch, gepaart mit etwas Lavendel. Einige in der Runde hatten spontane Assoziationen mit Weißburgunder und Gewürztraminer, wegen der floralen Töne. Für mich blieb es ein Riesling und zwar der „leckerste“ Wein des Abends, um einen Begriff zu benutzen, den der Kellermeister auch oft verwendet. Ob der Wein allerdings soviel Herkunft transportiert, wie es die Macher gerne hätten, sei dahingestellt – im Vergleich zu den anderen eher „unmineralisch“, dennoch von mir  90/100.

Interpretation

Würtz und Ress haben es geschafft, eine Kollektion zu erstellen, die tatsächlich für viel Diskussionsstoff sorgt und das ist zunächst ein Wert an sich in einer Region, die nach einem neuen Profil sucht. Superlative wie „Jahrhundertwein“ oder „frühes Meisterwerk“ würde ich dennoch zurückhaltender gebrauchen…die Weine werden alle noch eine Entwicklung durchmachen, das Jahrhundert ist noch jung, die Weinmacher eigentlich auch. Da ist noch Luft. Haben Ress und Würz mit diesen Weinen eine verschüttete Tradition wieder zum Leben erweckt? Schwer zu beurteilen, wenn ein Mensch wie ich zu den Spätgeborenen gehört und noch nicht in den Genuss vieler Vertikalverkostungen kam, aber vielleicht wäre mal eine Verkostung von Weinen aus derselben Lage von anderen Weingütern eine Idee. Ich sehe hier eher den Versuch, die Handschrift des Winzers in den Mittelpunkt zu stellen und hierdurch zu zeigen, was Terroir im Rheingau bedeuten kann – die Ambition, der Herkunft wieder ein Profil zu geben, weil diese in den Augen vieler Kenner unter einer „verfälschenden“ Interpretation des Rieslings gelitten hat. Das ist und bleibt jedoch auch ein Stück Glaubenssache. Würtz und Ress jedenfalls sind auf eine Entdeckungsreise gegangen, wir sind gespannt, was folgt. In diesem Zusammenhang erschließen sich dann auch viele Diskussionen, die an verschiedenen Stellen zu dem Thema „Rebsorte vs. Terroir“ geführt wurden. So ganz „abschütteln“ können/wollen diese Weine ihre Rebsorte jedenfalls nicht. Die Preise sind für meinen Geschmack etwas zu hoch, aber wahrscheinlich mit Blick auf den Export so gestaltet – einen „Spitzenwein“ für unter 20 € wird kaum ernst genommen!?
(Dieser Text wurde erstmals am 13.10.2012 veröffentlicht)

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Hallo! Willkommen…

..this is just another wine blog, but hopefully not just anyone. Ich werde versuchen, hier auch die manchmal etwas „sperrig“ anmutenden Themen anzugehen und eröffne daher gleich mal mit einem Eintrag zur VDP-Klassifikation. Ansonsten erwartet den Leser hier im lauf der Zeit eine Mischung aus Weinrezensionen, historischen Hintergrund-Infos zum Weinmarkt sowie aktuelle Analysen, speziell zu Themen der Weinmarktpolitik.

Die beiden Weinrezensionen wurden vor einigen Monaten bereits auf „Posterous“ veröffentlicht, aber dieser Dienst schließt demnächst.

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